Logik der Daten verstehen: Grundlagen progressiver Datenstrategien

Logik der Daten verstehen: Grundlagen progressiver Datenstrategien

Digitalpolitisches Dossier #3

Mittwoch, 25. November 2020

Online-Veranstaltung

Am 25.11.2020 fand zum dritten Mal das »Digitalpolitische Dossier« statt, diesmal in einem Online-Format. Es handelt sich um ein vom Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) moderiertes Format für die fokussierte Auseinandersetzung mit Digitaltechnologien, ihren Innovationspotenzialen und ihren Auswirkungen für Staat und Gesellschaft.

Das Thema der diesjährigen Veranstaltung lautete »Logik der Daten verstehen: Grundlagen progressiver Datenstrategien«. Schirmherrin dieses dritten digitalpolitischen Dossiers war Dr. Anna Christmann von Bündnis 90/Die Grünen. Gemeinsam mit Pia Karger (BMI) und Leonard Mack (FOKUS) sowie rund 70 interessierten Teilnehmer:innen wurde die Frage diskutiert, wie zukunftsweisende Datenstrategien für das Datenzeitalter gedacht und gemacht sein sollten.

In der Einführung verdeutlichte Prof. Dr. Peter Parycek, Leiter des ÖFIT, die Relevanz von Datenstrategien auf Landes-, Bundes-, und Europa-Ebene und betonte die Wichtigkeit der Datennutzung als Grundlage für Innovation und Prosperität. Während Europa hinsichtlich des Datenschutzes eine Vorreiterrolle einnehme, liege es hinsichtlich der Nutzung von Daten bislang hinter anderen Kontinenten zurück, was die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen notwendig mache und den Anlass der Debatte darstelle.

Corona als Datengeschichte

Zu Beginn seines Impulsvortrages (  Vortragsfolien) griff Leonard Mack (Fraunhofer FOKUS/Weizenbaum Institut) die aktuelle Pandemie auf und erzählte die Entwicklungen in der Corona-Krise als Datengeschichte. Die systematische Datafizierung der Pandemie führe dazu, dass schon knapp ein Jahr nach der erstmaligen Untersuchung des Virus im Dezember 2019 nun im November 2020 die ersten Impfstoffe kurz vor Markteinführung stehen.

Corona als Datengeschichte
Abbildung 1: Corona als Datengeschichte

Sechs Thesen für »gute« Datenstrategien

Parallel zu der Pandemie seien auf politischer Ebene vermehrt Anstrengungen unternommen worden, strategische Richtungszeige für die Datennutzung zu definieren. Mit der Formulierung der Europäischen Datenstrategie und den Eckpunkten der Datenstrategie des Bundes solle die Datennutzung erhöht und somit das Entstehen innovativer Geschäftsmodelle gefördert werden. Diese könne nur gelingen, wenn diese fortschrittsorientiert seien, hob Leonard Mack hervor und stellte insgesamt sechs Thesen auf, wie »gute« Datenstrategien gemacht und gedacht werden sollten:

  1. Menschen und Gesellschaft sind natürlich datengetrieben.
    Das häufig bediente Narrativ von Menschen und Daten als Gegensätzen führt zu Fehlschlüssen. Menschen und Daten stellen keinen Widerspruch dar, vielmehr kann das menschliche Wahrnehmen der Welt im Grunde als Datenverarbeitung und -auswertung betrachtet werden. Im Zeitalter der Digitalisierung und den damit einhergehenden Datenmengen sind es nicht die Daten selbst, die Herausforderungen darstellen, sondern Asymmetrien in Bezug auf den Besitz von Datenbeständen, die Fähigkeit diese zu analysieren und limitierte Nutzungsmöglichkeiten.

  2. Nur die Nutzung von Daten erzeugt Wert.
    Metaphern wie »Daten sind Gold« verleiten dazu, Daten mit physischen Werten zu assoziieren – und damit ihr Teilen unattraktiv wirken zu lassen. Dies führt dazu, dass 55-85% der Daten ungenutzt bleiben. Dabei sind ungenutzte Daten kostenintensiv, bringen keine neuen Erkenntnisse und verlieren mit der Zeit ihre Nützlichkeit. Vielmehr lässt sich gerade mit der Bereitstellung von Daten ökonomischer Mehrwert schaffen.

  3. Daten nutzen sich nicht ab, lassen sich perfekt klonen und sind nicht rivalisierend.
    Da Daten unendlich kopierbar und nicht rivalisierend sind, steigt der Wert von Daten mit ihrer Verfügbarmachung. Aus ein und demselben Datensatz können viele verschiedene Ideen entstehen. Selbst in dem Fall, dass die gleiche Idee aus einem Datensatz entwickelt wird, stehen in der Konsequenz zwar die Ideen (z.B. Produkte) miteinander im Wettbewerb – nicht aber die Daten selbst.

  4. Datengetriebene Innovationen benötigen Zugang zu Daten.
    Waren früher Kapital und Arbeit ausreichend um Innovationen zu schaffen, sind heutzutage Daten als entscheidender Produktionsfaktor hinzugekommen. Die Herausforderung ist, dass einfach zugängliche, qualitativ hochwertige Daten knapp sind. Datenstrategien sollten daher den Zugang zu Daten erleichtern. Dabei sollte nicht nur Daten des öffentlichen Sektors im Sinne des Open Government-Prinzips in den Blick genommen werden, sondern im Sinne einer progressiven Wettbewerbs- und Innovationspolitik auch der Zugang zu Daten des privaten Sektors ermöglicht werden.

  5. Daten brauchen eine gemeinsame Sprache.
    Es gibt keine Knappheit an Daten-Infrastrukturen. Die Problematik besteht vielmehr darin, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Datenstrategien stehen hier vor der Herausforderung einen interoperablen, sektorübergreifenden Standard finden und definieren zu müssen.

  6. Datengetriebene Organisationen sind schneller, agiler, innovativer – und womöglich kaum wiederzuerkennen.
    Organisationen stehen vor einem wesentlichen Wandel, der vergleichbar ist mit Umbrüchen während der Industrialisierung. Dabei muss der Zugang zu Daten innerhalb von Organisationen breiter werden und hierarchische Strukturen müssen netzwerkartigen weichen. Im Zuge dieser Neugestaltung sollte die Sinnhaftigkeit einer sektoralen Aufteilung der Wirtschaft kritisch hinterfragt werden. Datenstrategien sollten Organisationen dabei unterstützen, diesen Wandel zu gestalten.

Sechs Bausteine für Datenstrategien
Abbildung 2: Sechs Bausteine für Datenstrategien

Datenstrategien als Fundament von Datenpolitik

Anschließend stellte Pia Karger die Pläne der Bundesregierung und des Bundesministeriums des Inneren vor. Sie betonte, dass Daten eine Schlüsselressource in Privatwirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft sind, aber auch Herausforderungen adressiert werden müssten, die aus den schnellen Veränderungen resultieren. Mit der Datenstrategie des Bundes solle gleichermaßen die Gefahr einer missbräuchlichen Nutzung von Daten eingedämmt als auch das große Potenzial einer innovationsbringenden Datennutzung gefördert werden. Um dies zu erreichen seien vier Handlungsfelder definiert worden. So solle auf infrastruktureller Ebene die Datenbereitstellung und der Datenzugang durch Standardisierung erleichtert, die Datenkompetenz erhöht und ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten gefördert sowie eine »Datenkultur« etabliert werden. Dabei sei die Datenstrategie in erster Linie als Wachstumsstrategie zu verstehen, die insbesondere die großen Möglichkeiten der Innovation in den Fokus stelle, wobei die hohen europäischen Standards im Datenschutz nicht aufgeweicht werden dürften. Mit der europäischen Datenstrategie sei der Link zur europäischen Ebene hergestellt worden. Abschließend hob sie hervor, dass die Datenstrategie für Diskussionen und Konsultationen offenbleiben müsse und sich in einem stetigen Anpassungsprozess befinde.

Gesamtdebatte auf einem guten Weg

Dr. Anna Christmann hob zu Beginn der Diskussion hervor, dass sie die Gesamtdebatte in Bezug auf Datenstrategien auf einem guten Weg sehe, da die Debatte nun differenzierter geführt werde und Deutschland sich nicht länger dem Narrativ des Verlierers gegenüber amerikanischen Tech-Giganten hingebe. Insbesondere der gesellschaftliche Mehrwert von Daten müsse in den Vordergrund gestellt werden, dabei seien der Zugang zu Daten aus der Verwaltung sowie im Klima- und Gesundheitsbereich entscheidend. Hier Potenziale zu heben, sei auch auf Grundlage des europäischen Datenschutzes möglich. Nachholbedarf hob sie in Bezug auf die Umsetzung der Datenstrategie hervor. Es müsse beispielsweise über neue Rollen wie »Datennutzungsbeauftragte« in Verwaltungen diskutiert und eine Harmonisierung zwischen den Bundesländern angestrebt werden, um die Datennutzung in der Praxis tatsächlich zu erhöhen.

Konsens in der Zielrichtung, Diskussionsbedarf bei der Umsetzung

In der abschließenden Diskussion war die Bereitstellung von und der Zugang zu Daten das dominierende Thema. Dabei wurden die Vor- und Nachteile regulatorischer Eingriffe beispielsweise in Form von Datenteilungspflichten für Unternehmen und Organisationen diskutiert. So wurde einerseits die Position vertreten, dass eine Pflicht zur Datenteilung einen Anreiz darstellen könne, die erhobenen Daten auch tatsächlich zu nutzen und so der Wettbewerb angeregt würde. Andererseits wurde betont, dass das Beispiel der Corona-Warn-App zeige, dass Menschen durchaus freiwillig bereit seien Daten zu teilen, wenn der Entwicklungsprozess transparent dargestellt und eine öffentliche gesellschaftliche Debatte ermöglicht würde. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass Motivatoren für die Teilung und Nutzung von Daten geschaffen werden müssten. Über eventuelle Pflichten zum Teilen von Daten müsse, besonders im Falle von Monopolbildungen, gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt nachgedacht werden.

Zusammenfassend zeigte sich durch die Impulse und die Diskussion, die Einigkeit aller Beteiligten über den dringenden Handlungsbedarf. Um die neuen Möglichkeiten des Datenzeitalters ausschöpfen zu können, ist neben förderlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen insbesondere auch ein kultureller Wandel hin zu einer Kooperationskultur und sektorübergreifendem Zusammenarbeiten notwendig.